Die Bildungsakademie cimdata hat gestern zur zweiten Brand Berlin in die Eventpassage am Zoo geladen. Von Euch war ja keiner da, also werde ich hier kurz davon berichten. Zwölf Euro kostete das „Bloggerticket“, man war aber an der Kasse sehr überrascht, als tatsächlich jemand kam, um ein solches zu erwerben. Der Rest des Publikums bestand hauptsächlich aus Beteiligten des (Schüler-)Projekts sowie Schülern und Lehrenden der cimdata. Und bei weitem nicht alle waren freiwillig da. 😉
Unter der Überschrift Mein Berlin Mein Kiez gab es Vorträge und Workshops in drei Sälen sowie einen Raum für Aussteller wie zum Beispiel den Bezirk Prenzlauer Berg, die BSR, Urban Artists und andere.
Weil mich Berlin, Kiez- und Stadtentwicklung mit der Zeit eher mehr interessiert statt letztendlich langweilig zu werden, war ich sehr dankbar, mit zumindest teilweise Gleichgesinnten zusammen zu treffen, auf jeden Fall aber Aktuelles zur Lage der Situation zu hören. Und das live. Überhaupt bin ich ein Fan von Messen und Vorträgen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich 23 Semester studiert habe.
Den Einführungsvortrag übernahm natürlich die Schirmherrin der Veranstaltung Dr. Franziska Giffey, Bürgermeisterin von Neukölln. Eigentlich hätte sie im Roten Rathaus beim Rat der Bezirksbürgermeister sein sollen, hat dort aber den Stellvertreter hingeschickt, weil sie lieber auf dem Mini-Kongress sprechen wollte. Ich vermute, ich hätte die gleiche Wahl getroffen.
So sprach sie denn von Ihrer Freude darüber, wenn junge Leute die Stadt gestalten, aber auch von den Vorurteilen, die Menschen von außerhalb gegenüber Berlin und insbesondere Neukölln haben. Sie wurde einmal von Touristen gefragt, ob man denn in Neukölln allein vor die Tür gehen könne. Ich beobachtet die Leute und glitt zwischendurch ab in meine eigenen Gedanken und Vorstellungen über Berlin, hörte entfernt einige Sätze der Rednerin über arabische Großfamilien, die im so genannten Dunkelfeld agieren (omg!) und funktionale Analphabeten und lernte nebenbei, dass die Sonnenallee den Untertitel „Arabische Straße“ trägt, weil dort 90% der Anwohner arabisch seien. Es haben sich aber auch über 1000 Betriebe der Kreativbranche im letzten Jahr in Neukölln gegründet. Wie macht man nun, dass die bleiben? Wie gestaltet man die Stadt so, dass das geht? Wer gestaltet die Stadt überhaupt? Und wem gehört sie? Diese Fragen wurden gestern gestellt.
Probleme sieht Frau Dr. Giffey beispielsweise in den Mietpreisen und in der Gentrifizierung. Menschen sollen sich aber weiterhin das Leben und Arbeiten in Berlin leisten können. Die Politik wird ja gern gefragt, was sie gegen die steigenden Mietpreise tut, die Bezirksbürgermeisterin antwortet mit Angebot und Nachfrage. Ich hatte nicht zum ersten Mal das Gefühl, die Politik wolle sich lieber um die Dinge kümmern, die Ihnen selbst wichtig erscheinen, weil das pauschal mehr Spaß und weniger depressiv macht und sich Reden über Start-Ups und Kreativwirtschaft besser anhören und formulieren lassen als welche über… ja, eben über alles andere.
Mir schien es, als würden mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben, aber dies war ja auch nur der Einführungsvortrag.
Antworten anhand eines konkreten Beispiels lieferte einer der Folgevorträge, der mich auf besondere Weise gefesselt hat. Hanns-Friedrich Sefranek und Anja Pilipenko von der Genossenschaft für urbane Kreativität redeten über das Projekt Holzmarkt, wo seit 2012 nach und nach ein kreatives Dorf entsteht
Eigentlich gab es für das 18.000 m² große Grundstück zwischen Jannowitzbrücke und Ostbahnhof, auf dem bis 2010 die legendäre Bar25 gelegen hatte, bereits einen Masterplan zur Bebauung als sich Menschen, die eben keine Politiker sind, eine gemischte kreative Nutzung einfielen ließen. Die Initiative brauchte also ein (den Masterplan) überragendes Konzept, ein großes Team, Unterstützung in der Stadt und vor allem Geld, wenn vielleicht auch nicht unbedingt, um das Grundstück gleich zu kaufen (immerhin zehn Millionen). Geld braucht Berlin ja auch immer, weil es so sexy ist. Um die Schulden zu bezahlen, verkauft die Stadt eben Grundstücke.
Eine gemeinnützige Stiftung aus der Schweiz eröffnete den Akteuren des Holzmarkt-Projekts die notwendigen Möglichkeiten. Die Stiftung Abendrot erwirbt Grundstücke und nimmt sie so vom Markt, um sie Projekten zuzuführen. Das Holzmarkt-Projekt hat nun mit grundbuchlichem Eintrag für 75 Jahre das Erbbaurecht mit der Möglichkeit zur Erweiterung. Das Grundstück wird gepachtet.
Wenn alles fertig ist, wird es auf dem dreigeteilten Grundstück das kreative Dorf, ein Hotel und Europas grüßten Holzbaukomplex mit Studenten-WGs und Co-Working-Spaces geben. Von Anfang an bis zur Fertigstellung wird zwischengenutzt (Kater Holzig, Kater Blau, Restaurant, Friseur, Theater usw.).
Nun ist der Holzmarkt kein Kiez im Sinne eines gewachsenen Stadtquartiers. Trotzdem passte das Thema ganz wunderbar zur Brand Berlin, weil es zeigt, wie durch Bürgerinitiativen schrittweise Dinge entstehen können, die die Stadtplanung nicht voraussehen kann. Ursprünglich gab es eine Gruppe von Menschen, die Elektro-Parties veranstalten wollten. Alles andere entstand aus dem Bedürfnis nach gastronomischer Versorgung (Restaurant), Übernachtungsmöglichkeiten (Containerdorf, später Hotel), Unterbringung der Kinder (Kinderspielplatz) usw. Im August diesen Jahres wird die Kindertagesstätte eröffnet. Natürlich gibt es viele Informationen im Internet, die über die Stichworte Mörchenpark e.V., Genossenschaft für urbane Kreativität oder einfach Projekt Holzmarkt Berlin leicht zu finden sind. Im Bürgerverein kann jeder mitmachen.
gruß, heike.
Bericht gefällt mir gut, sehr kurzweilig und präzise geschrieben.
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vielen dank, gisela angela! es freut mich auf interesse gestoßen zu sein.
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